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Terrafiction – die Prognose eines neuen Problembewusstseins

Im spatial turn wird dem Raum eine Agency zugeschrieben, welche die Praktiken der Gesellschaft mitgestaltet. Ausgehend von diesem Punkt haben avantgardistische Architekturtheorien der 60er Jahre und später der 90er Jahre die Welt als eine Art technischen Raum gesehen, in welchem sich die Welturbanisation nach rekursiven Parametern copypasted, und so die kommende Entwicklung als dystopisch gedeutet. Architektur sowie Infrastruktur wurden zum verlängerten Arm der räumlich-politischen Verhältnisse erklärt. Der ökologische Kollaps erschallte in den medialen Echokammern.

Im Vortrag wird die künstlerische Arbeit der Silicity Protocols vorgestellt, welche mittels der Hyperstition, eine zeitgenössische Form der Fiktion, das Bewusstsein um den Raum und der gebauten Umwelt untersucht und neue Phänomene vorausahnt. Die scheinbar zukunftslose Gegenwart wird mit Vorstellungen der kommenden Zeit mit der kulturellen Technik des Memes ästhetisiert und das Drama der Zeit mit Internet-Zitaten stimuliert.

Aleksandr Delev

Aleksandr Delev ist derzeit als Masterstudent der Architektur an der Bauhaus-Universität in Weimar eingeschrieben. Der Schwerpunkt seiner Forschung untersucht die Manifestationen und wechselseitigen Durchdringungen der digitalen Technologien auf Architektur, Urbanistik sowie Infrastruktur. Er ist Herausgeber und Editor der PDF-Reihe „Silicity Protocols“: eine Crypto-Pop Zeitschrift für globale Architektonik, zeitgenössischen Kultur und Ästhetik.

Vorhersehung ohne Plan. Zu Hegels Geschichtsphilosophie

Eine gängige, oft wiederholte Kritik richtet sich an den vermeintlich prognostischen Charakter der Hegelschen Geschichtsphilosophie. Die Geschichte verlaufe für Hegel nach einem vorherbestimmten Plan, weshalb es weder notwendig sei zu handeln, um den an sich schon notwendigen Gang der Geschichte (oder der Revolution) zu realisieren, noch sei es möglich zu handeln, um den Lauf der Dinge zu ändern.

Diesem Klischee liegt ein ebenso wesentliches wie wesentlich komplizierteres Problem zugrunde, das Hegel [in der Einleitung seiner Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1830)] in dem einfachen Gedanken formuliert, „daß die Vernunft die Welt beherrsche, daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei“ – in anderer, religiöser Form: „daß eine Vorsehung die Welt regiere“. Hierin liegt die eigentliche Herausforderung der Geschichtsphilosophie Hegels: In der intimen Verschränkung von Vorsehung und Weltgeschehen, Providenz und Weltgeschichte.

Der Vortrag wird diesem Problem der Providenz in Hegels Geschichtsphilosophie nachgehen, um es zwischen zwei möglichen Perspektiven auf unsere heutige Gegenwart zuzuspitzen: Die eine Position greift auf die frühchristliche „providentielle oikonomia“ zurück, um mit ihr die [scheinbar säkularisierte] Logik der modernen „Regierungsmaschine“ oder „Oikodizee“ zu entschlüsseln (Agamben, Vogl). Die andere Position forciert die Modernität von Hegels Affirmation göttlicher Providenz, um aus ihr eine neue Konzeption des (freien) Handelns zu gewinnen (Ruda).

Dies wird zu der Frage führen: Ist die Vorsehungin Hegels Geschichtsphilosophie Zeichen eines problematischen Erbes oder doch eine affirmativ mobilisierbare Ressource? Lässt sich die verhängnisvolle Implementierung christlicher Providenz-Ökonomie in moderne Regierungstechnik anhand von Hegels Geschichtsphilosophie in exemplarischer Reinform nachvollziehen? Oder bringt Hegel den Begriff der Vorsehung nicht vielmehr zu einer Öffnung, zu dem Punkt, an dem sich offenbart: Der einzige göttliche Plan, den es gibt, ist, dass es keinen göttlichen Plan gibt?

 

Armin Schneider

Armin Schneider (Berlin) hat Kultur-, Medien- und Musikwissenschaft in Berlin, New York und Leipzig studiert. 2018 hat er sein Studium mit einer Arbeit über Ökonomie und Arbeit in Hegels Systementwicklung abgeschlossen.

Silicon Delphi – Reise ins Herz der Zeit 

Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, rufen junge Menschen jeden Freitag und fordern sofortige Maßnahmen gegen den fortschreitenden Klimawandel und seine verheerenden Folgen. Sie wollen den Weltuntergang verhindern. Gleichzeitig sitzen Millionen Zuschauer in den Kinosälen und schauen lustvoll Weltuntergangsfilme.
Das Theaterkollektiv raststättentheater greift in „Silicon Delphi – Reise ins Herz der Zeit“ diese Weltuntergangs-Angstlust auf und lässt eine bürgerliche Münchner Familie in den Strudel der Apokalypse sinken. Die Welt geht unter und man ist live dabei! Und dann? Was kommt nach dem Weltuntergang? Eine neue, schönere Welt? Nicht ganz.
Die Familie hat zwar wie durch ein Wunder überlebt und findet auf der verbrannten Erde einen virtuellen Sandstrand. Doch diese wahrgewordene bürgerliche Wunschvorstellung eines „Traumurlaubs“ stellt sich als Gefängnis heraus. Abgekoppelt von der Weltzeit werden die drei Überlebenden auf sich selbst zurückgeworfen und von vagen Erinnerungen und Echos aus der vergangenen Welt heimgesucht.

 

raststättentheater.

Raststättentheater wurde 2018 von Alexandra Martini, Isabel Neander und Jakob Roth in München gegründet. Ausgangspunkt ihrer selbstbestimmten Arbeit sind subjektive Sehnsüchte, Ängste und Fragen, die sie gesellschaftlich verorten und bearbeiten. Ihre erste Produktion Auf dem Mond gibt es keine Lohnarbeit hatte im August 2018 im Import Export Premiere.

Dialektik der Vorhersage 

Seit der Steinzeit lässt sich nachverfolgen, dass sich der Mensch ausführlich mit der Zukunft auseinandergesetzt hat. Orakel, Prophetien, Wahrsagekünste, Utopien und Astronomie sind nur einzelne Beispiele von der Vielzahl an Kulturtechniken, die zur Bestimmung der Zukunft praktiziert wurden. Doch warum beschäftigen sich Menschen eigentlich mit der Zukunft? Welche Funktion nehmen Zukunftsvorhersagen innerhalb einer Gesellschaft ein? Ist es möglich die Zukunft wirklich vorherzusagen? Aus heutiger Perspektive erscheinen uns viele der alten Vorhersage als Aberglaube und jeder menschlichen Vernunft entgegen zu stehen. Zwar haben auch wir in Form von Prognosen weiterhin Zukunftsvorhersagen, jedoch schätzen wir diese als wesentlich rationaler ein, weil sie sich auf wissenschaftliche Untersuchungen stützen. Welche Konsequenzen diese Vorstellung hat, soll in dem Vortrag untersucht werden. In einer Reflexion der historischen Zukunftsnarrative soll außerdem diskutiert werden, welche Funktion die Auseinandersetzung mit der Zukunft allgemein für Menschheit einnimmt. In Referenz zu diesen Untersuchungen wird das Konzept der Prognose kritisch hinterfragt.

Friedrich Weißbach

Friedrich Weißbach studierte Philosophie und Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wissenschaftliche Auslandsaufenthalte führten ihn an die Université Lyon 2 sowie an die Sapienza Università di Roma. 2019 hat er sein Master in Philosophie bei Prof. Dr. Rahel Jaeggi an der Humboldt-Universität zu Berlin abgeschlossen. Er ist Mitbegründer des Institut für Chaos.

MOORE vs. EROOM

Utopie – Prognose – Projekt im zeitgenössischen Futurismus

Im gegenwärtigen Tech-Optimismus ist eine ganze Reihe von zukunftserzählenden Genres am Werk: quasi-religiöse Prophezeiungen innerhalb der transhumanistischen Szene; die Utopien und Dystopien der Science Fiction; populärwissenschaftliche Prognosen einer maschinellen „Intelligenzexplosion“; die Ankündigungen und Fünfjahrespläne von Unternehmer*innen. Der Vortrag geht der Frage nach, wie der Futurismus unserer Zeit von einer literarischen Fiktion zu einer wissenschaftlich legitimierten Prognose und schließlich zum hoch finanzierten Projekt wurde. Welche unausgesprochenen Annahmen und Voraussetzungen erlauben diese Transformation? Welche Auslassungen und Verschiebungen bringt sie mit sich? Was wird damit wie, mit welcher Strategie und welchem Ziel gerechtfertigt? Die Prognose einer in einer spezifischen Weise radikal veränderten Zukunft steht dabei im Vordergrund, da sie den Angelpunkt zwischen Utopie und Unternehmung bildet. Insbesondere sollen die „Gesetze“ (Moore‘s, Carlson‘s, Metcalfe‘s…) unter die Lupe genommen werden, die das prognostisch/prophetische „So wird es werden“ erst erlauben.

Zoe Herlinger

Zoe Herlinger studierte Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in Paris und Berlin. Derzeit forscht sie im Rahmen ihrer Abschlussarbeit zur Möglichkeit künstlichen Empfindens und Spürens. Daneben schreibt sie für das taz.FUTURZWEI-Magazin und leitete bis zum Frühjahr 2019 Lehrveranstaltungen an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Dystopische Prognosen

Science-Fiction als Instrument sozio-kultureller Kritik

Der aktuelle Bericht der UN-Organisation IPBES vom Mai dieses Jahres belegt einen beispiellosen Rückgang der Artenvielfalt in der Geschichte der Menschheit mit gravierenden Auswirkungen für dieselbe. Es müsse sofort gehandelt werden, um größere Katastrophen zu verhindern, so die Autor_innen. Die Thesen sind keine Überraschung. Bereits in den 1970er Jahren wagten Wissenschaftler_innen des MIT einen Blick in die Zukunft und sagten ähnliches voraus. Die damaligen Autor_innen der Studie „The Limits to Growth“ von 1972 prognostizierten mithilfe von Computermodellen eine düstere Zukunft. Auch mit maximal positiven Werten bzgl. geringer Umweltverschmutzung und 100% Recycling endeten alle Szenarien in einem wirtschaftlichen und ökologischen Kollaps bis spätestens 2030.
Das Buch wurde zwar ein weltweiter Bestseller, aber man muss sich fragen, was mit dem Wissen um die negativen Folgen der prognostizierten Weltwirtschaft und Umweltverschmutzung geschehen ist. Kurz gesagt: Wieso machten alle weiter wie bisher? Die Sprengkraft der Schreckensprognose schaffte es zwar bis in die Feuilletons, aber nicht bis in das alltägliche Bewusstsein der Menschen oder in die Verhandlungszimmer der Politiker_innen. An dieser Status-Quo-Haltung hat sich auch heute scheinbar nichts geändert: Der Kohleausstieg geht schleppend voran und Bahnfahren ist teurer als Fliegen. Jeden Freitag gehen junge Menschen auf die Straße, um darauf aufmerksam zu machen und die Verantwortlichen zum Handeln zu bewegen.
Der Mensch ist ein narratives Tier. Er braucht Geschichten, um die Welt und sich selbst zu verstehen. Wenn aus dem Verstehen Taten folgen sollen, braucht es zudem Motive und Emotionen. Wenn Zahlen und wissenschaftliche hard facts es nicht schaffen, den Großteil der Menschheit zu einem nachhaltigen Handeln zu bewegen, dann kann es vielleicht ein Nischen-Genre der Popkultur: Science-Fiction. Science-Fiction macht andere Zukünfte erlebbar und kann als Instrument sozialer Kritik zum Handeln motivieren.

 

Florence Wilken

Florence Wilken hat an der TU Berlin „Kultur und Technik“ und an der HU Berlin Philosophie studiert und sich vor allem mit Fragen der Technikkritik auseinandergesetzt. In ihrer Masterarbeit setzte sie sich mit dem Thema Human Enhancement auseinander. Im digitalen Kulturmagazin postmondän schrieb sie u. a. über Afrofuturismus und Kafka. Zurzeit arbeitet sie bei der Kooperations-und Beratungsstelle für Umweltfragen (kubus) an der TU Berlin.

Prognosen über Kriminalität: Von der Kriminalbiologie zum Gefährderbegriff

In Minority Report von 2002 inszeniert Steven Spielberg, wie die „Precrime“-Abteilung der Polizei Washington Morde vorhersagt, um die prognostizierten Täter:innen vorab außer Gefecht setzen zu können. Wie stark hat sich diese Science-Fiction-Prophezeihung bereits erfüllt? Elisabeth zeichnet Versuche der Kriminalwissenschaft, Strafverfolgung und Polizeiarbeit Kriminalität vorherzusagen seit der Kriminalbiologie Cesare Lombrosos aus dem 19. Jahrhundert über die in Deutschland gesetzlich verankerte Kriminalprognose hin zu den aktuellen Zuspitzungen des neuen Gefährderbegriffs und den Begehrlichkeiten, die moderne Datenverarbeitung weckt, nach. Im Zuge aktueller Sicherheitsdiskurse und technischer Versprechungen wird eine nie zuvor dagewesene Forderung nach absoluter Sicherheit aufgestellt, die durch absolute Überwachung gewährleistet werden soll. Die Konsequenzen sind hochgradig irrational.

Kausalität, Fortschritt und Prognose

Die II. Internationale und Walter Benjamin

Zentrale These des Vortrags ist folgende: Unsere Vorstellung von Geschichte, vom Gewesenen, betrifft nicht nur die Vergangenheit. Als Vorstellung über die Art und Weise, wie historische Veränderung im Allgemeinen abläuft, prägt sie zugleich, wie wir Geschichte – über die Vergangenheit hinaus – denken: wie wir den historischen Prozesses begreifen. Implizit oder explizit hat dies Einfluss darauf, wie die jeweilige Gegenwart und Zukunft – als Teile des historischen Prozesses bzw. Momente historischer Veränderung – verstanden werden; d.h. nicht zuletzt auch wie und inwieweit sich Menschen einer jeweiligen Gegenwart als transformativ wirkende, handlungsfähige Akteur*innen – als historische Subjekte – begreifen und begreifen können, die den historischen Prozess (mit-)gestalten bzw. (mit-)hervorbringen. Kurz: Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der (Nicht-)Aktion von Gruppen/Gesellschaften und dem Begriff, den diese Gruppen/Gesellschaften von der Geschichte haben.

Wir werden also geschichtsphilosophische Überlegungen anstellen, nachdenken über das Zusammenspiel erkenntnistheoretischer und politisch-praktischer Perspektiven. Im Mittelpunkt werden zwei divergierende (Extrem-)Beispiele stehen: Die linear-kausale, positivistische Geschichtsphilosophie der II. Internationalen und das konstellative, „offene“ Geschichtskonzept Walter Benjamins.

Andrea Messner

Andrea Messner studierte Philosophie in München, Rom, Berlin und St. Andrews. Ihre M.A.-Arbeit hat sie bei Rahel Jaeggi „Über den Begriff des Fortschritts bei Walter Benjamin“ geschrieben. Zur Zeit bereitet sie ein PhD-Projekt vor, arbeitet als Übersetzerin und im Kulturbereich, vorwiegend mit/zu/über Film.

Computersimulationen und ökologisches Storytelling

Bei Computer-Simulationen handelt es sich um eine der wichtigsten zeitgenössischen Verfahren der Prognose. Simuliert werden Marktverhalten, Massenpanik, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten und Wahlergebnisse, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Prozesse, die zu komplex sind, um im Labor rekonstruiert zu werden, werden im technischen Milieu der Computer-Simulationen animiert. Paradigmatisch für diese Entwicklung steht das, was sich in den letzten Jahren immer stärker als planetarische Bedrohung überhaupt konstituiert hat: das Klima. Unser Wissen über globale ökologische Entwicklungen ist vom Medium der Compute-Simulation nicht zu trennen.

Welches Wissen über Umwelt- und Weltverhältnisse entsteht durch Computer- Simulationen und welche Geschichten werden damit erzählt? Um dieser Frage nachzugehen, werden verschiedene Beispiele aus Wissenschafts-, Technik- und Kulturgeschichte herangezogen.

Niklas Egberts

Niklas Egberts studiert Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und schreibt seine Master-Arbeit über Ian Cheng’s Emissaries (2015-2017). Zu seinen Forschungsinteressen zählen Wissenschaftsgeschichte, Medienphilosophie und Ökologie. Niklas ist Mitbegründer von texture und arbeitet dort an alternativen Infrastrukturen für theoretischen Diskurs (www.texture.works).

Prophetie und die antike Philosophie 

Sokrates Schwanengesang – Zum Verhältnis von Prophetie und Philosophie in Platons Dialog Phaidon

Im Dialog Phaidon gibt Platons Sokrates vier Argumente für die Unsterblichkeit der Seele und eine ausführliche Schilderung des Schicksals der Seele nach dem Tod. Rationale Argumentation (lógos) und Erzählung (mŷthos) werden kunstvoll verbunden, um der existenziellen Thematik der Todesfurcht und der Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gebe und wie dieses aussähe, zu begegnen.

In der sogenannten Schwanengesang-Passage (84d-85b) vergleicht sich Sokrates mit Schwänen, von denen er sagt, dass sie in der Stunde des Todes am schönsten singen. Er behauptet,  deren „Dienerschaftsgenoß“ im Dienste Apolls und „nicht minder begabt in der Hellseherkunst“ als diese zu sein. Dieses „outing“ als Prophet verblüfft, da wir die Gründungsfigur der abendländischen Philosophie gemeinhin als fragende, rational argumentierende, aber Nichtwissen behauptende Figur kennen („Ich weiß, dass ich nichts weiß“ Apol. 21d). Das wirft Fragen auf: War Sokrates ein Prophet oder ein Philosoph? Ist Prophetie mit Philosophie vereinbar? In welchem Verhältnis steht philosophische Argumentation zu prophetischem Vor-Wissen im Phaidon?

Gegenstand des Vortrages ist die Wahrsagekunst (mantikē technē) in der Antike als Verfahren der Prognostik, deren Stellung als Kulturtechnik bei den Griechen und deren Bedeutung in Platons Werk. Die sogenannte Schwanengesang-Passage wird als Ausgangspunkt genommen, um Platons Verhältnis zur Wahrsagekunst zu analysieren. Das Ziel des Vortrages ist die Einführung in das kulturelle Umfeld (Homer, das Orakel von Delphi) und Denken Platons. 

Robert Mordarski

Robert Mordarski studiert Philosophie im Master an der Humboldt-Universität zu Berlin. Den Bachelor in Philosophie erwarb er an der Universität Wien. Er arbeitete als Tutor und studentische Hilfskraft an verschiedenen Lehrstühlen in Wien und Berlin und ist aktuell an der Graduate School for Ancient Philosophy Philosophy, Science and the Sciencesbeschäftigt.

Nietzsches Philosophie der Zukunft

Die geschichtsphilosophischen Grundlagen von Nietzsches Moralkritik und die Funktion von Gesetzeshypothesen für die Prognostik

Die zentrale These des Vortrags lautet: Nietzsches Kritik der Moral basiert auf Aussagen über die zukünftige Entwicklung der Menschheit. Diese Entwicklung entfaltet er in einer natur- oder universalgeschichtlichen Perspektive ‚im langen Bogen’, die den Zeitraum von der Herausbildung des Menschen aus dem Tierreich bis zu seiner zukünftigen Aufhebung in der Figur des ‚Übermenschen‘ umfasst.
Mit dem ‚Übermenschen‘ entwirft Nietzsche eine Art privilegiertes Erkenntnissubjekt, das die ‚objektive‘ Entstehungsgeschichte unserer moralischen Normen und Werte erzählen kann. Der ‚Übermensch‘ ist bereits ‚über die Moral hinaus‘; er befindet sich jenseits von Gut und Böse und den damit verbundenen erkenntnisleitenden Interessen und Vorurteilen. Der Standpunkt außerhalb der abendländischen Moral ermöglicht es ihm, die moralischen Illusionen und ideologischen Verzerrungen der Gegenwart zu erkennen und zu kritisieren. Die Hilfskonstruktion des ‚Übermenschen‘, die Nietzsches Moralkritik anleitet, ist nun aber aus erkenntnistheoretischen Gründen auf geschichtsphilosophische Aussagen angewiesen. Diese bauen ihrerseits jedoch auf Gesetzeshypothesen, einer Begriffsmetaphysik und Annahmen einer menschheitsgeschichtlichen Entwicklungslogik auf, die Nietzsche als ‚Anti-Hegel‘ (Deleuze) ablehnt. Was also tun?

Thomas Land

Thomas Land promoviert aktuell zur Begriffsgeschichte der Zivilgesellschaft am Max-Weber-Kolleg in Erfurt.

Crystal Vision from Space

Biosphäre 2 als Zukunftsmedium des ökologischen Diskurses

Aus dem Weltraum gesehen, ist die Erde ein blauer Planet und die Biosphäre 2 eine Kristallkugel, in der das extraterrestrische Auge unsere Zukunft erkennt. Was verrät uns ein paranormales Sehen in diese Kristallkugel? Welchen Blick nehmen wir dabei ein und wessen Augen treffen diese?

Das zweijährige Experiment in dem Gebäudekomplex Biosphäre 2, das ein geschlossenes vielfältiges Ökosystem in der Wüste Arizonas simulierte, schreibt dystopische Geschichten über unsere Flucht von der Erde und die radikalen ökologischen Veränderungen, die auf ihr stattfinden werden. Es diente als Medium der Vorhersage, das jedoch unter streng kontrollierten Labor-Bedingungen operiert. In wissenschaftlichen Kreisen gilt das Projekt allgemein als gescheitert, da die Geschlossenheit des Ökosystems durchbrochen wurde, um das Überleben der menschlichen Bewohner*innen und jeglicher Wirbeltier- und auch Pflanzenarten zu gewährleisten. 

Was kann der Blick durch die Glaskugel als okkultistisches Instrument sichtbar machen, das diese Geschichte im Verborgenen lässt? Es ist das Narrativ derjenigen Organismen, die sich in der Glaskugel einrichten, sie durchfressen, sie permeabel machen.

Hanna Schmedes

Hannah Schmedes macht derzeit ihren Master in Europäische Medienwissenschaft an der Universität Potsdam. Ihren Bachelor in Kulturwissenschaften absolvierte sie mit der Arbeit „In Spannungsverhältnissen. Ein Versuch über die kollektiv-maschinische Dimension von Subjektivität anhand der Cyborg“ an der Leuphana Universität Lüneburg. Neben ihrem Studium ist Hannah Schmedes in dem Kollektiv texture aktiv, wo sie Diskussionsabende, Lesekreise und alternative Lehrformate organisiert. Zu ihren Forschungsinteressen zählen feministische Wissenschaftskritik, New Materialism sowie Symbiose.

CHAOS 2016

Das Institut für Chaos wurde 2016 von Miriam Amin, Friedrich Weißbach und Elisabeth Niekrenz gegründet, um Studierende und Absolvent*innen verschiedener Disziplinen zusammen zu bringen, die sich mit demselben Thema beschäftigten: Chaos. Rund um diesen Begriff fand eine interdisziplinäre Vortragsreihe statt, die Perspektiven aus Filmwissenschaft, Philosophie, Migrationssoziologie, Neurologie, Psychologie, Kulturwissenschaft, Soziologie und Politologie ins Gespräch miteinander brachte. Während Chaos häufig als Metapher für unhaltbare, zu überwindende Zustände dient, hat uns dabei interessiert, welche emanzipatorischen Potenziale im Tohuwabohu liegen. Im September 2018 erschienen Essays, die im Rahmen der Vortragsreihe entstanden sind, in dem Sammelband „Chaos. Zur Konstitution, Subversion und Transformation von Ordnung.“